Die Reichskanzler der Weimarer Republik – Zwölf Lebensläufe in Bildern – Ausstellung im Stadtmuseum

Eine Ausstellung mit dem Titel „Die Reichskanzler der Weimarer Republik – Zwölf Lebensläufe in Bildern“ zeigt das Kasseler Stadtmuseum, Ständeplatz 16, von Sonntag, 11. Januar, bis Sonntag, 8. März. Eröffnet wird die Ausstellung, die von Dr. Bernd Braun, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg erarbeitet wurde, von Bürgermeister Thomas-Erik Junge am kommenden Sonntag um 11.30 Uhr

Biographischer Bezugspunkt der Ausstellung zu Kassel ist natürlich Philipp Scheidemann, der hier aufgewachsen ist und nach seiner Kanzlerschaft 1920 bis 1925 als Kassels Oberbürgermeister amtierte.

Ausgangspunkt für die Erarbeitung der Ausstellung war die Überlegung, dass die zwölf Reichskanzler der Jahre 1919 bis 1933 heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Dies liegt in erster Linie an ihren kurzen Amtszeiten. Zum Vergleich: Im Kaiserreich gab es in den 47 Jahren seines Bestehens von 1871 bis 1918 acht Kanzler, in der Bundesrepublik Deutschland amtierten von 1949 bis heute in mehr als fünf Jahrzehnten acht Bundeskanzler. Dabei sagt die Dauer einer Kanzlerschaft grundsätzlich nichts über die Qualität eines Amtsinhabers oder die Leistungen während seiner Amtszeit aus.

Ziel der Ausstellung soll es daher sein, diese zwölf Männer wieder im kollektiven Gedächtnis der Nation zu verankern. Sie will den vergessenen Kanzlern Gesicht und Stimme zurückgeben. Sie erhebt bewusst nicht den Anspruch, eine umfassende Darstellung der Geschichte der Weimarer Republik zu liefern. Sie konzentriert sich auch nicht auf die jeweils sehr kurzen Kanzlerschaften, sondern präsentiert die Gesamtbiographien von Philipp Scheidemann, Gustav Bauer, Hermann Müller, Constantin Fehrenbach, Joseph Wirth, Wilhelm Cuno, Gustav Stresemann, Wilhelm Marx, Hans Luther, Heinrich Brüning, Franz von Papen und Kurt von Schleicher.

Das Amt des Reichskanzlers der Weimarer Republik glich aufgrund der extrem schwierigen außen- und innenpolitischen Bedingungen einem Schleudersitz. Daraus entwickelten sich besondere Merkmale der politischen Kultur:

Die Weimarer Kanzler traten ihre Posten als vergleichsweise junge Männer an, ihr Durchschnittsalter bei Amtsantritt lag bei rund 50 Jahren, das der Kanzler des Kaiserreiches bei rund 60, das der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland bei rund 59 Jahren. Sieben Weimarer Regierungschefs waren bei Amtsantritt jünger als 50, Joseph Wirth war mit 41 Jahren der bisher jüngste Kanzler in der deutschen Geschichte, Heinrich Brüning derjenige, der seine Amtszeit – um 38 Jahre – am längsten überlebte. Acht der Weimarer Kanzler sind jüngeren Geburtsdatums als Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Die Weimarer Kanzler nahmen in Folge der Belastung ihres Amtes gesundheitlichen Schaden, Gustav Stresemann starb mit 51, Hermann Müller mit 54 und Wilhelm Cuno mit 56 Jahren.

Die Weimarer Kanzler konnten nach mehrjähriger Unterbrechung erneut ins Amt kommen (Hermann Müller 1920 und 1928 bis 1930 und Wilhelm Marx 1923 bis Januar 1925 und 1926 bis 1928).

Die Weimarer Kanzler amtierten in Kabinetten ihrer Nachfolger als Minister (Gustav Bauer, Joseph Wirth, Gustav Stresemann, Wilhelm Marx) oder übernahmen vergleichsweise weniger bedeutende Ämter wie etwa das des Oberbürgermeisters (Philipp Scheidemann) oder Botschafters (Hans Luther, Franz von Papen).

Einige der Weimarer Kanzler waren parteilos und hatten nie ein Parlamentsmandat inne (Wilhelm Cuno, Hans Luther, Kurt von Schleicher).

Die Weimarer Kanzler wurden teilweise Opfer politischer Verfolgung; Kurt von Schleicher wurde von den Nazis ermordet, Gustav Bauer zeitweise inhaftiert, Philipp Scheidemann, Joseph Wirth und Heinrich Brüning mussten ins Exil gehen.

Da Erinnerung und Erinnerungskultur in unserem visuellen Zeitalter hauptsächlich mit optischen Eindrücken verbunden sind, wirkt die Ausstellung in erster Linie über die Fotographien. Dabei wurde besonders auf die Qualität der historischen Vorlagen und deren Wiedergabe geachtet. Zahlreiche Fotos, die aus dem Besitz von Kindern und Nachfahren der Reichskanzler stammen, sind zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu sehen. Über 750 Fotos von rund 65 Leihgebern aus Deutschland, Österreich, Dänemark, Schweden, der Schweiz und den Niederlanden zeigen die Gemeinsamkeiten, aber auch die gravierenden Unterschiede in den Lebensläufen dieser zwölf Kanzler auf. Ergänzt werden die Fototafeln durch einen 30-minütigen Film, einen Audioturm mit Original-Tondokumenten und Vitrinen mit Erinnerungsgegenständen und Dokumenten. Die Lebensläufe der zwölf Reichskanzler spiegeln Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik Deutschland wider.

Die Ausstellung ist im Februar 2003 im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages in Berlin von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse eröffnet worden. Danach war sie in der Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg, im Rathaus der Stadt Freiburg im Breisgau, im Schloss Reinbek bei Hamburg, in der Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte im Schloss Rastatt, im Bundesarchiv in Koblenz, im Rathaus der Stadt Stuttgart, im Stadtmuseum in Weimar, im Rathaus der Stadt Essen, in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, in der Paulskirche in Frankfurt am Main, im Hambacher Schloss, im Regierungspräsidium von Oberbayern in München, im Stadtmuseum in Münster und im Niedersächsischen Landtag in Hannover zu sehen.

Kassel ist also die 16. Station der Ausstellung. Zur Ausstellung ist eine Begleitbroschüre erhältlich, die 75 Fotos und die Haupttexte enthält. Außerdem gibt es eine CD mit 24 Original-Tondokumenten der Weimarer Kanzler.

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